Neurologie & Psychiatrie

Wellbutrin XR – eine neue Behandlungsoption bei Depression

Seit Kurzem ist Bupropion (Wellbutrin XR®) für die Behandlung der Depression in Österreich zugelassen und erstattungsfähig. Wie bewerten Sie diese Erweiterung des therapeutischen Spektrums?

S. Kasper: Bei Bupropion handelt es sich um eine wertvolle Erweiterung der bestehenden Therapie, da mit diesem Antidepressivum erstmals selektiv die dopaminerge und noradrenerge Wiederaufnahme gehemmt werden kann. Dies ist insofern von Interesse, als diese beiden Neurotransmitter wichtige psychische Funktionen wie Antrieb, Motivation, Genussfähigkeit oder Energielevel regulieren. Reduzierte Funktionen in diesen Bereichen sind häufige Symptome der Depression, die jedoch schwierig zu therapieren sind und oft sehr langsam auf eine konventionelle Therapie ansprechen. Generell kann man davon ausgehen, dass zwischen 28 und 55% der Patienten mit SSRIs und SNRIs keine Remission erreichen. Bei diesen Patienten bleiben Residualsymptome bestehen, die mit einem höheren Rückfallrisiko assoziiert sind. Die bereits erwähnten Symptome, die unter dem Begriff „reduzierter positiver Affekt“ subsumiert werden, gehören typischerweise zu den Residualsymptomen. Es erscheint daher wichtig, verschiedene Antidepressiva mit unterschiedlichen Wirkmechanismen zu Verfügung zu haben, die wir gezielt einsetzen können. Denn auch wenn für den Großteil der verfügbaren Antidepressiva eine vergleichbare Wirksamkeit nachgewiesen wurde, so ermöglicht der gezielte Einsatz verschiedener Substanzen vermutlich eine effektivere Therapie spezifischer Symptome im Rahmen der depressiven Erkrankung.

Welche Vorteile hat die Substanz im Vergleich zu anderen Antidepressiva?

S. Kasper: Bupropion ist das derzeit einzige Antidepressivum, das eine dopaminerge Wirkkomponente aufweist. Auf serotonerge, cholinerge, histaminerge oder muskarinische Rezeptorsysteme zeigt Bupropion keine signifikante Wirkung. Im Vergleich zu SSRIs ist hervorzuheben, dass die typischen serotonergen Effekte wie sexuelle Funktionsstörungen oder gastrointestinale Nebenwirkungen fehlen. Bezüglich der Sexualfunktion bescheinigen gepoolte Daten aus 10 randomisierten, kontrollierten Studien für Bupropion eine signifikant bessere Verträglichkeit als SSRIs. Die Häufigkeit von Störungen der Orgasmusfähigkeit, des sexuellen Verlangens und der Erregbarkeit war unter SSRIs etwa doppelt so häufig wie unter Bupropion, das sich diesbezüglich nicht von Placebo unterschied. Bezüglich des Körpergewichts verhält sich Bupropion neutral beziehungsweise hat es in Studien bei übergewichtigen Patienten sogar zu einer geringen Gewichtsabnahme geführt. Bupropion ist außerdem nicht sedierend und verursacht daher keine Tagesmüdigkeit. Auch das ist, vor allem für berufstätige Patienten, ein entscheidender Vorteil.

Wie sieht der ideale Patient für die Behandlung mit Bupropion aus? Wie hoch schätzen Sie den Anteil dieser Patienten in der klinischen Praxis ein?

S. Kasper: Besonders gut geeignet für eine Therapie mit Bupropion sind zurückgezogene, depressive Patienten mit Symptomen von Interesse-, Energie- und Motivationslosigkeit oder kognitiver Beeinträchtigung. Auch Patienten, die stark unter serotonergen Nebenwirkungen wie sexuellen Störungen oder gastrointestinalen Problemen leiden, sind gute Kandidaten für Bupropion. Wie groß der Anteil dieser Patienten im Praxisalltag ist, ist schwer zu sagen, vielleicht ein Drittel. Die Wirksamkeit von Bupropion wurde in großen randomisierten Placebo- und aktiv kontrollierten Studien generell bei depressiven Patienten nachgewiesen. Außerdem wurden Studien speziell an Patienten mit reduziertem positivem Affekt, mit älteren Patienten und Patienten, die auf eine Therapie mit einem SSRI nicht ansprachen, durchgeführt.

Wie beurteilen Sie den derzeitigen Kassenstatus in Österreich?

S. Kasper: Bupropion XR ist verschreibbar, wenn mit Präparaten aus dem Grünen Bereich nachweislich nicht das Auslangen gefunden werden kann. Darin sehe ich ein Problem, weil es medizinisch nicht nachvollziehbar ist, warum bei einem Patienten, dessen Profil optimal für Bupropion passt, bewusst Umwege gegangen werden sollten, indem zuerst eine weniger gut passende Substanz verschrieben werden muss. Im klinischen Setting haben wir damit kaum ein Problem, weil wir hauptsächlich Patienten behandeln, bei denen die Erstlinientherapie nicht erfolgreich war. Im niedergelassenen Bereich jedoch ist die Situation anders. Hier geht es meist um Initialtherapien und da kann es schon ein Nachteil sein, wenn Bupro¬pion nicht als Erstlinientherapie verordnet werden kann.

Was ist bei der Umstellung von SSRIs oder SNRIs auf Bupropion zu bedenken?

S. Kasper: Die Umstellung selbst geht problemlos. Man muss allerdings beachten, dass bei SSRIs/SNRIs Absetzphänomene auftreten können, die dann nicht irrtümlich dem Bupropion als Nebenwirkung zugeschriebenen werden dürfen. Das muss man genau auseinander halten. Anders als bei SSRIs/SNRIs sollten bei Umstellung von einem irreversiblen Monoaminooxidase(MAO)-Hemmer auf Bupropion zwischen Therapieende der einen und Therapiebeginn der anderen Substanz mindestens zwei Wochen liegen.

Wie beurteilen Sie das Sicherheitsprofil von Bupropion XR?

S. Kasper: Das Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil von Bupropion ist anhand zahlreicher klinischer Studien und mehr als 15 Millionen behandelter Patienten dokumentiert. In den USA ist die Substanz ja seit 1989 als Antidepressivum zugelassen. Es gibt also bereits viel Erfahrung. Insgesamt kann Bupro¬pion im zugelassenen Dosisbereich als ausgesprochen sicher bewertet werden. Probleme gab es lediglich in einer Studie an Patienten mit Essstörungen, da Krampfanfälle beobachtet wurden, weswegen die Substanz bei bestehender oder in der Vergangenheit diagnostizierter Bulimie oder Anorexia nervosa kontraindiziert ist.

Was ist bei der Dosierung zu beachten? Warum ist eine Aufdosierung auf 300mg von großer Bedeutung?

S. Kasper: Anders als in den USA ist Bupropion XR in Europa nur bis zu einer Höchstdosis von 300mg zugelassen. Die empfohlene Startdosis beträgt 150mg täglich. Aufgrund der dopaminergen Wirkkomponente wird die morgendliche Einnahme empfohlen. Falls erforderlich sollte nach etwa vier Wochen die Tagesdosis auf 300mg gesteigert werden. In den USA hat sich gezeigt, dass die überwiegende Mehrheit der Patienten mit dieser Dosis optimal eingestellt ist. Was die Beendigung der Therapie betrifft, sind bei Bupropion laut derzeitiger Datenlage keine Absetzsymptome zu erwarten.

Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie im klinischen Alltag mit Bupropion XR gemacht?

S. Kasper: Ich persönlich habe sehr gute Erfahrungen mit der Substanz. Auch bei älteren Patienten, die oft schwieriger zu behandeln sind und eine erhöhte Vulnerabilität gegenüber Nebenwirkungen haben, stellt Bupropion ein geeignetes Antidepressivum dar. Aufgrund des günstigen Verträglichkeitsprofils und des einfachen Einnahmemodus mit nur einmal täglicher Verabreichung sind eine gute Compliance und hohe Akzeptanz in der Langzeittherapie zu erwarten.

Wir danken für das Gespräch!

Das Interview führte : Dr. A. Kreilhuber

Unser Interviewpartner: O. Univ.-Prof. Dr. DDr. h.c. Siegfried Kasper, Leiter der Univ.-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien</i>

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Letztes Update:10 Februar, 2009 - 00:00