Neurologie & Psychiatrie

MS, epileptische Anfälle und Epilepsie

Die MS ist die häufigste chronisch-entzündliche Erkrankung des Nervensystems und nach der Epilepsie die zweithäufigste neurologische Krankheit, die im frühen und mittleren Erwachsenenalter zu Störungen führt. Die Prävalenz einer aktiven Epilepsie beträgt 0,6%, die einer MS immerhin 0,1 bis 0,2 %. Obwohl es daher möglich ist, dass es gelegentlich zu einer zufälligen Koinzidenz von MS und idiopathischen oder aus anderen Gründen symptomatischen epileptischen Anfällen oder Epilepsien kommt, hat sich immer deutlicher gezeigt, dass dies nur bei einem kleinen Teil der Betroffenen der Fall ist. Eine Literaturübersicht von 229 Studien mit insgesamt 17.239 erwachsenen MS-Patienten ergab, dass bei 389 (Mittelwert = 2,3%, Median = 2,7%) gleichzeitig eine Epilepsie bestand.2

Zeitliche Beziehung der Krankheitsmanifestation

Es wird zwar nur gelegentlich über Patienten mit Erstmanifestation von epileptischen Anfällen oder einer Epilepsie berichtet, bei denen die ätiologische Abklärung eine bis dahin unbekannte MS ergab;3, 4 prospektive Serien grosser Zentren lassen aber vermuten, dass dies nicht selten ist. Von 51 Patienten mit der Komorbidität, die in einem 9-JahresZeitraum an der Mayo Clinic beobachtet wurden, kam es immerhin bei 14 Patienten (27,4%) vor der Diagnosestellung von MS zu erstmaligen epileptischen Anfällen, während bei 37 Patienten (72,5%) erst nach Stellung der MS-Diagnose Anfälle auftraten.5 Im weiteren Verlauf können epileptische Anfälle mit Schüben korrelieren; eine Korrelation zwischen dem Auftreten einer Epilepsie und der Schwere einer MS hat sich nicht nachweisen lassen.

Form der epileptischen Anfälle und Epilepsie

Mehrheitlich handelt es sich um fokale oder fokale eingeleitete, sekundär generalisierte tonisch-klonische (Grand-mal-) Anfälle, bei etwa 30% um Grand-mal-Anfälle ohne erkennbaren fokalen Beginn. Eine passagere Aphasie als einziges oder dominierendes Anfallzeichen ist ebenso wie das Auftreten anderer ungewöhnlicher Anfallformen (musikogen, Störungen des Farbsehens oder visuelle Halluzinationen) möglich.6, 7 Kürzlich wurde über fünf Patienten berichtet, die über Jahre hinweg als einziges klinisches MS-Zeichen eine Temporallappenepilepsie hatten.8 Gelegentlich kommt es auch zu einer Epilepsia partialis continua,9 bei vereinzelt beobachteten Absencen ist eher von einer zufälligen Koinzidenz auszugehen. Die EEG-Befunde sind unspezifisch.

Pathophysiologie und Bildgebung

Autopsiebefunde zeigen mehrheitlich eine Korrelation mit kortikalen Herden, zusätzlich aber auch am Übergang zwischen Kortex und Marklager. Der Hippokampus ist nur ausnahmsweise beteiligt. Dies wird durch MRI-Befunde mit kortikalen und juxtakortikalen Läsionen als wahrscheinliches Korrelat MS-induzierter Anfälle bestätigt.10, 11

Besonderheiten der antiepileptischen Therapie

Bei den meisten MS-Patienten lassen sich die epileptischen Anfälle medikamentös gut kontrollieren,5 eine Pharmakoresistenz ist aber wie auch bei anderen symptomatischen Epilepsien nicht selten. Dabei sollte an die Möglichkeit gedacht werden, dass Nebenwirkungen der Antiepileptika einen neuen MS-Schub vortäuschen können. In einer neueren italienischen Studie wurde dies immerhin bei einem Drittel (12/36) der mit Carbamazepin behandelten Patienten berichtet, während dies weder unter Gabapentin noch Lamotrigin der Fall war.12

Interaktionen zwischen Antiepileptika und einer immunmodulatorischen Therapie bei MS (insbesondere mit Beta-Interferonen oder Glatirameracetat) sind nicht bekannt, so dass diesbezüglich keine Einschränkungen bestehen.


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Letztes Update:3 Oktober, 2005 - 00:00