Neurologie & Psychiatrie
Internetsexsucht: Sex im World Wide Web
Internetpornografie entpuppt sich als verzerrte Sexualität, in der die Beziehungskomponente vernachlässigt und der andere auf die genitalen Attribute reduziert und zur eigenen Befriedigung missbraucht wird. Die Therapieanfragen in den psychiatrischen und psychotherapeutischen Praxen zu dieser Problematik, die beträchtliches subjektives Leiden verursacht, werden immer häufiger. Erstmals im deutschsprachigen Raum hat sich eine medizinische Fachtagung der Cybersexsucht angenommen ( http://www.internetsexsucht.at ).
Jerald J. Block schrieb 2008 in seinem vielbeachteten Editorial „Issues for DSM-V: internet addiction“ für das American Journal of Psychiatry, dass aus seiner Sicht die Internetabhängigkeit aus drei Subtypen bestehe: einerseits der Sucht nach sozialen Netzwerken (wie etwa Facebook), des Weiteren der Sucht nach Online-Rollenspielen à la World of Warcraft und schließlich der Sucht nach Cybersex.
Allen drei oben beschriebenen Subtypen wären nach Block vier Kriterien gemeinsam, die er für das amerikanische Klassifikationssystem DSM-V vorschlägt, welches 2013 publiziert werden soll:
1. exzessiver Gebrauch des Internets, verbunden mit Verlust an Zeitgefühl oder Vernachlässigen basaler Bedürfnisse (z.B. Essen, Trinken);
2. Entzugssymptome, wie Ärger, Spannung und/oder Depressionsgefühle, wenn der Computer nicht erreichbar ist; 3. Dosissteigerung, d.h. immer bessere Rechner, mehr Software, mehr Stunden vor dem Bildschirm, und 4. negative soziale Interaktionen, inklusive Streit, Lügen, Leistungsabfall, sozialer Isolation und konsekutiver Erschöpfungsgefühle.
Eine österreichische Online-Umfrage (Zimmerl & Panosch) im Chatroom „Metropolis-Chatsystem“ hat schon vor 10 Jahren ergeben, dass tatsächlich 12% der 473 Probanden ein suchtartiges Verhalten aufwiesen. Aus dieser Subgruppe bejahten 30,8%, rauschähnliche Erlebnisse bei intensivem Chatten zu haben, von denen 40,9% sich damals selbst als „süchtig“ einstuften. Eine rezente spanische Studie (Rodríguez Monje et al 2009) zeigte eine Prävalenz von 9,4% für Internetsucht und 5,5% für Sexsucht unter der männlichen Bevölkerung.

Charakteristika von Internetpornografie
Internetpornografie ist ein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor. Der globale Jahresumsatz der Pornoindustrie wird auf 57 Milliarden Dollar geschätzt. Nach Schirrmacher (2008) gibt es weltweit 4,2 Millionen Pornowebsites (das sind 12% aller Websites). Diese gehören etwa 50 Firmen und entfalten etwa 420 Millionen Einzelseiten. Weltweit kommt es zu 1,5 Milliarden monatlichen Downloads von pornografischem Material (d.h. 35% aller Downloads). 42,7% der erwachsenen User haben bereits pornografische Websites aufgesucht. Täglich gibt es 68 Millionen Pornoanfragen an die Internet-Suchmaschinen. 100.000 Websites beinhalten Kinderpornografie.
Das Internet ist von Cooper schon 2002 recht eindrücklich als „Triple-A Engine“ bezeichnet worden, wegen der Spezifika Zugänglichkeit (accessibility), niedrige Kosten (affordability) und Anonymität (anonymity). Ausführlicher gehen Hill et al (2007) auf die Problematik ein: Das Internet ist bequem vom heimischen Computer, Palm oder Mobiltelefon aus mittlerweile drahtlos und jederzeit zugänglich. Die Kosten sind im Vergleich zu anderer Pornografie extrem niedrig, viele auch explizit sexuelle bzw. pornografische Angebote sind kostenfrei erreichbar. Das Internet bietet als Multimediaplattform ein sehr mannigfaltiges Angebot an pornografischem Material und Aktivitäten: Fotos, Filme, Texte, Messagesysteme, Chats (zu zweit oder mit mehreren Personen), audiovisuelle Kommunikation (Mikrofon, Webcams), in Zukunft eventuell auch Übertragung anderer Sinnesqualitäten. Darüber hinaus ist der Pornografiemarkt im Internet nahezu grenzenlos. Material aus der ganzen Welt ist unmittelbar verfügbar. Ständig wird neues Material angeboten: In einer Stunde sind schon wieder andere, neue Bilder, Filme, Texte und besonders Nutzer im Netz. Weiters beschreiben Hill et al, dass die Grenze zwischen Konsument, Produzent und Anbieter heute in der Internetpornografie verschwimmt: jeder Mann, jede Frau – und jedes Kind – kann mit relativ einfachen technischen Mitteln Texte, Bilder, Videos ins Netz stellen und somit weltweit verbreiten. Deviantere, gewalttätigere Pornografie kann bei entsprechendem Interesse gefunden werden. Das Internet bietet außerdem die Möglichkeit zur interaktiven Kommunikation mit gegenseitiger Beeinflussung von Fantasien bzw. realem Verhalten, zeitversetzt und synchron. Das World Wide Web ist ein Raum zum Experimentieren zwischen Fantasie und realem Verhalten durch virtuelle Identitäten geworden.
Die Auswirkungen dieser veränderten Verfügbarkeit von Sexualität auf menschliche Beziehungen und die psychische Gesundheit sind schon in einer Reihe von Studien untersucht worden. In der wohl ausführlichsten, der repräsentativen Untersuchung „Sex in America online“ (Albright 2008) an über 15.000 gesunden Erwachsenen, zeigte sich, dass 75% der Männer und 41% der Frauen im letzten Jahr im Internet willentlich Pornografie konsumiert bzw. heruntergeladen haben. Frauen empfinden nach Internetpornografie-Konsum allerdings tendenziell eine niedrigere Körperzufriedenheit, nehmen vermehrt die Partnerkritik an ihrem Körper wahr, bemerken in ihrer Partnerschaft vermehrt Druck zu Handlungen, die im Internet dargestellt werden und bemängeln reduzierten personal-realen Sex zu Hause. Männer hingegen geben an, dass sie durch Internetpornografie kritischer gegenüber dem Körper ihrer Partnerin geworden sind, und beschreiben weniger Eigeninteresse an häuslichem Sex. In dieser Studie erfüllen 2% der Teilnehmer alle Kriterien der Sucht im Sinne von komplettem Kontrollverlust und massivem Leidensdruck.
Ein spezielles Problem ist der Kontakt von Jugendlichen mit dem Cybersex. Sabina et al (2008) untersuchten das sexuelle Internetverhalten von 563 Kindern unter 18 Jahren: 93% der Burschen und 62% der Mädchen hatten im letzten Jahr Kontakt mit Internetpornografie. Diese Erfahrungen waren allerdings vor dem 13. Lebensjahr selten. Viele Mädchen gaben an, ungewollt mit Pornografie in Berührung gekommen zu sein. Die Burschen hingegen hatten früher und öfter Kontakt mit Internetpornografie, hatten mehr Bilder heruntergeladen als die Mädchen und interessierten sich für perverse Inhalte (Vergewaltigungspornografie, Kinderpornografie). Michael Flood (2009) hat hierzu im „Child Abuse Review“ anhand eigener Daten eindrucksvoll klargestellt, dass Burschen, die regelmäßig Pornografie konsumieren, öfter Mädchen sexuell belästigen als solche, die sich nicht auf diese Weise stimulieren. Pornografie verfestige sexistische und ungesunde Auffassungen über Sex und Beziehungen, schreibt der Wissenschaftler am Australian Research Centre in Sex, Health and Society an der La Trobe University.
Definition und Vorstadien der Internetsexsucht
Eine heute gebräuchliche Definition sind die Merkmale der Sexsucht nach Briken (2005), die das Internet schon berücksichtigen: 1. Über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten wiederkehrende Schwierigkeiten, sexuelle Fantasien oder Verhaltensweisen zu kontrollieren; 2. die sexuellen Fantasien und Verhaltensweisen beinhalten nichtparaphile Symptome wie exzessive Masturbation, Pornografie-, Telefon- oder Cybersex, protrahierte Promiskuität; 3. die sexuellen Fantasien und Verhaltensweisen verursachen klinisch relevante Schwierigkeiten oder Einschränkungen in sozialen, beruflichen oder anderen funktionell wichtigen Bereichen und 4. die Störung wird nicht durch eine andere psychische Störung besser erklärt und ist nicht Folge einer körperlichen Erkrankung.
Die Definition der Internetsexsucht nach Cooper, Burg & Delmonico (2000) lautet: mehr als elf Stunden sexuelle Stimulation im Internet pro Woche (das entsprach der doppelten Standardabweichung vom Durchschnittskonsum der Probanden) und erhöhte Scores auf der Kalichman-Sexual-Compulsivity-Skala (SCS).
Nach Schneider & Weiss (2001) bzw. Carnes (2001) können bei der Internetpornografie drei Internet-Usergruppen unterschieden werden: 1. die Freizeitgruppe, die aus Neugierde einsteigt und über ein gelegentliches Surfen nicht hinauskommt; 2. die Risikogruppe, die eine minimale Vorgeschichte von Sexsucht oder sexuellem Trauma aufweist (bei Belastungen wie Trennung und Verlust wäre hier eine Erhöhung des Pornografiegebrauchs und der Masturbationsrate zu beobachten); 3. die Sexsüchtigen. Hier beschreiben die Autoren wiederum drei Untergruppen: Das Internet stellt lediglich eine Erweiterung der bisherigen Betätigungsformen im Rahmen einer Sucht dar (a), das Internet stellt eine weniger riskante Art des Ausagierens zur Verfügung (b) und das Internet verstärkt das außer Kontrolle geratene Verhalten (c).
Folgen der Internetsexsucht
Psychodynamisch kommt es im Sozial-, Leistungs-, Arbeitsbereich nach Roth (2010) zur Vermeidung von realen sexuellen und nicht sexuellen Kontakten und dadurch zu sozialem Rückzug, Isolation und Vereinsamung. Scham- und Schuldgefühle werden verdrängt und immer wieder quälend hochgespült, das Geheimhalten immer größerer Zeiteinheiten des Alltags bedarf wachsender Anstrengung und zunehmenden Lügens. Es kommt zum Absinken von Hemmschwellen, was das außer Kontrolle geratene Verhalten zusätzlich verstärkt. Partnerschaftsprobleme werden in der Regel akut (Internet als „Dreiecksbeziehung“). Desinteresse, Unaufrichtigkeit, Vertrauensverlust bis hin zur Trennung. Fast notwendigerweise kommt es konsekutiv zu einer Flucht in den virtuellen Raum, weil das „real life“ zunehmend als bedrängender und bedrohlicher erlebt wird. Es entwickelt sich, wie bereits eingangs beschrieben, eine Herabsetzung bzw. der Verlust der Zeit- und Realitätskontrolle, das Vernachlässigen anderer Lebensbereiche und Verantwortlichkeiten. Zunehmend führt dieses Verhalten zu einem Versagen in Leistungssituationen (Prüfungs- und Arbeitsbereich). Eventuell kann auch am Arbeitsplatz der Pornografiekonsum nicht mehr hintangehalten werden, was letztlich nicht selten zum Arbeitsplatzverlust führen kann.
In sexueller Hinsicht zeigen sich eine Normalisierung des Ungewöhnlichen, Unzufriedenheit mit realer Sexualität, Fixierung auf bestimmte sexuelle Vorlieben oder Körperteile (Fragmentierung), Minderwertigkeitsgefühle betreffend das eigene Aussehen oder die eigene sexuelle „Performance“, Appetenzverlust und/oder Erektionsprobleme, die bis zur Impotenz führen können. Schneider (2000) beschreibt das direkte Vermeiden der Partnersexualität als Auswirkung auf die Partnerschaft. Oft zeigt sich die Partnerin verletzt, wütend oder mit Minderwertigkeitsgefühlen, da sie mit Cyberporn nicht mithalten kann. Während der Partnersexualität kann der Betroffene oft eine emotionale Abwesenheit und Interesse nur an eigener sexueller Befriedigung zeigen, was natürlich zu weiteren Verletzungen führt, da sich die andere „nicht gemeint“ fühlt (Senger 2010). Hier verkomplizieren Versuche des Users, die Partnerin zum Ausprobieren bestimmter sexueller Praktiken zu überreden, die ohnehin angespannte Situation. Die Partnerin ergreift manchmal beim Sex die Initiative, entweder zur eigenen Befriedigung oder um den anderen vom Online-Sex abzuhalten. Meist aber kommt es zum verletzten Rückzug.
Pädophilie im Internet
Das Internet erlaubt die leichte, unbegrenzte Vernetzung und damit die anonyme Kontaktanbahnung zwischen pädophilen Tätern und ihren Opfern bzw. verschiedenen Tätern bei gleichzeitig niedrigem Risiko für das Entdecktwerden bei illegalen Aktivitäten. Eine Besonderheit der Cybersexualität und -pornografie ist die Möglichkeit, in Schrift und Bild, eventuell auch im Ton (Sprachmodifikationstechniken) virtuelle Identitäten anzunehmen. Erwachsene können sich als Kinder und Jugendliche, Männer als Frauen ausgeben. Im Internet werden Intimität (d.h. Offenbarung persönlicher Emotionen, Präferenzen und Handlungen, die normalerweise einer breiteren Öffentlichkeit vorenthalten werden) und Vertrauen wahrscheinlich sehr viel schneller entwickelt als bei Face-to-Face-Kontakten (Ross 2005). Klaus Beier, Leiter des Instituts für Sexualmedizin der Berliner Charité, meinte kürzlich, dass das Internet das Problem der Pädophilie in mehrfacher Hinsicht verschärfen würde. Missbrauchsabbildungen seien durch das Netz immer einfacher zu erreichen, senken die kritische Selbstwahrnehmung der Nutzer und damit vermutlich auch die Schwelle zur direkten Tat.
Therapie der Internetsexsucht
Samuel Pfeifer (2010) nennt neun Elemente einer erfolgreichen Therapie bei Internetsexsucht. Bei der Motivationsklärung soll Eigen- und Fremdmotivation (Arbeitgeber, Partnerin, Polizei) abgeklärt werden. Es sollte bei Therapiebeginn geklärt werden, welche Faktoren dazu führten, dass Hilfe gesucht wird, welche Lebensbereiche bereits negativ beeinflusst wurden, was die Probleme/Geheimnisse/Entschuldigungen sind, welche Versuche bis jetzt unternommen wurden, das abhängige Verhalten einzuschränken, und wie ernst der Veränderungswunsch ist. Im Rahmen der Diagnostik und Bestandsaufnahme soll es dann zur Rekonstruktion des Internetverhaltens kommen, wobei die Tendenz zur Bagatellisierung zu beachten ist. Im nächsten Schritt, der Psychoedukation, geht es um eine Vertiefung und Anwendung der individuellen Problembeschreibung, mit Analyse der Auswirkung auf Partnerschaft, Arbeit, Freizeit, Lebensgenuss. Hier werden auch neurobiologische Aspekte der Internetsucht als Grundlage für das Verständnis und für die Notwendigkeit einer suchtspezifischen Therapie erörtert. In der Biografiearbeit geht Pfeifer zur Aufarbeitung der Auslöser und der lebensgeschichtlichen Hintergründe (d.i. sexuelle oder emotionale Traumatisierung oder Vernachlässigung in der Kindheit) über. Dann folgen die Distanzierung vom suchtfördernden Medium und der Aufbau eigenverantwortlicher Wege der sozialen Kontrolle. Auf der Stufe der Psychodynamik wird der Frage nachgegangen, welche Bedeutung die Sucht für die Person hat. Im Verlauf der Entwicklung einer Internetsexsucht kommt es nach einem anfänglich oft überwiegend positiven Verstärkermechanismus (Lust) immer stärker zu einem Überwiegen negativer Verstärkerfaktoren (z.B. Reduktion von Angst und Depressivität). Konflikte und ihre Bewältigung und sonstige Risikofaktoren für Rückfälle müssen bearbeitet werden. Fallweise ist auch das Einbeziehen der Angehörigen sinnvoll. Der Aufbau einer konstruktiven Intimität steht am Schluss einer erfolgreichen Therapie.
Literatur beim Verfasser

Autor: Doz. Raphael Bonelli, Sigmund Freud Privatuniversität Wien, E-Mail: rm.bonelli@gmail.com
Letztes Update:5 November, 2010 - 10:20





