Neurologie & Psychiatrie
(Alp-)Traumkörper: Prävention von Essstörungen
Essstörungen sind schwere psychische Erkrankungen, die langfristige negative Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit haben. Trotz weltweit jahrelanger präventiver Arbeit von Gesundheits- und Public-Health-Experten und der laufenden Verbesserung von Behandlungsmöglichkeiten sind Essstörungen immer noch ein wesentliches Gesundheitsthema bei Mädchen und Frauen und zunehmend auch bei Burschen und Männern. Gesellschaftliche Körpernormen und wirtschaftliche Interessen bilden den Nährboden, auf dem die Lifestyle-Erkrankung gedeihen kann. Globale Prävention und ein Umdenken bei Körperidealen sind notwendig.
80–90% der Frauen und Mädchen sind mit ihrem Körper unzufrieden1, 2, 3 – das ist ein gesundheitsgefährdendes Faktum. Die Zahl bei Männern und Burschen steigt. Noch nie in der Geschichte wurden Menschen in ihrer Wahrnehmung des Körpers durch Bilder so visuell dominiert und manipuliert wie in den letzten Jahrzehnten durch mediale Bilderbotschaften (Zeitungen, Magazine, TV, Plakatwände, Prospekte, Internet, Social Web und die mit diesen Medien transportierten Werbebilder, Musikvideos, Pornovideos, ...). Die permanente Konfrontation mit medialen Schlankheitsbildern führt zu einer Verunsicherung hinsichtlich des eigenen Aussehens. Schon ab dem Kleinkindalter bewirken diese Bilder eine Verinnerlichung und Internalisierung der gesellschaftlich idealisierten Körperformen4 und führen so zu einer Normierung des Körpers, der wiederum auf die gesellschaftlichen Leitbilder zurückführt.5 Vor allem der weibliche Körper ist vielfältigen gesellschaftlichen Normierungen und wirtschaftlichen Interessen unterworfen. Die Anpassung an – zum Teil – unerreichbare Idealbilder kann aber sowohl die körperliche als auch die psychische Gesundheit gefähr den und nimmt immer häufiger gesundheitsschädigende Ausmaße an. Ein gefährliches Agens sind zudem gesellschaftlich jahrzehntelang verfestigte Vorurteile gegenüber Übergewichtigen und globale Wirtschaftsinteressen, die an gezügeltem Essverhalten und/oder hoher Körperunzufriedenheit, die als Hochrisikofaktoren für Essstörungen gelten, verdienen. Daher ist Prävention dringend notwendig. Da wir in einer vernetzten Welt leben, erfordert Prävention jedenfalls ein komplexes und globales Vorgehen. Das bedeutet auch, multiprofessionell zu denken und zu handeln. Ohne eine Veränderung der soziokulturellen, gesellschaftlichen krank machenden Einflussfaktoren wird man nicht zu der wichtigen Stärkung des Selbstwerts und der Körperzufriedenheit und damit zu tatsächlicher Prävention kommen können.
Verunsichernde Bilderflut
Dass die Summe der Bilderflut Auswirkungen auf Selbstwert und Körperzufriedenheit der Konsumenten hat, wird durch eine Fülle von wissenschaftlichen Studien belegt. Eine im Jahr 1996 durchgeführte Metaanalyse6 von 222 wissenschaftlichen Studien, die in den letzten 50 Jahren zu gender- und altersspezifischen Untersuchungen über Selbstzufriedenheit und Attraktivität durchgeführt wurden, lieferte deutliche Ergebnisse: In sämtlichen Studien zeigen sich Mädchen und Frauen signifikant vulnerabler und unzufriedener als Männer – eine Tendenz, die in der jüngeren Vergangenheit deutlich gestiegen ist. Die deutlichsten Unterschiede in diesem Punkt zeigten sich bereits bei 14-jährigen Mädchen und Burschen.
Den Einflüssen der medialen „Manipulation“ unterliegen nachweislich auch Kinder. In einer Untersuchung an 213 neunjährigen Mädchen wurde schon 1992 festgestellt, dass jedes dritte Mädchen den Wunsch hatte, dünner zu sein, und viele bereits eine Diät in Angriff genommen hatten. Doch Gesundheitsexperten wissen: Diätverhalten kann die Eintrittskarte in die Welt einer Essstörung sein.7 Eine bahnbrechende psychoanthropologische Langzeitstudie aus dem Jahr 2004, die an der Harvard School of Medicine auf den Fidschi-Inseln durchgeführt wurde,8 machte deutlich, dass sich durch den Satellitenempfang westlicher Fernsehprogramme das traditionell gängige Schönheitsideal von „rundlichen“ Körperformen und Esskultur radikal zu westlichen Schlankheitsstandards veränderte. Dies führte auch zu einem erstmaligen Auftreten von Magersucht und Bulimie, wie die Studienleiterin Anne Becker feststellen musste.
Körperzufriedenheit in Österreich
In Österreich sind die Ergebnisse in Hinblick auf die Zufriedenheit mit dem eigenen Aussehen und Körper nicht weniger dramatisch. In Wien wurden im Jahr 2000 insgesamt 718 Mädchen und 428 Burschen mit folgenden Ergebnissen befragt:1
• 44% der Mädchen stuften sich als eher übergewichtig ein, obwohl tatsächlich nur 6% übergewichtig waren.
• 52% der Mädchen hatten bereits eine Diät hinter sich. Bei den Burschen waren es 14%.
• 80% der Mädchen hatten etwas bis sehr starke Angst, zuzunehmen. Bei den Burschen waren es 40%.
• Weiters waren 89% der Mädchen mit dem eigenen Körper unzufrieden, bei den Burschen 65%.
Eine empirische Untersuchung an 656 Wiener Frauen mit einem Durchschnittsalter von 47 Jahren lieferte folgende Erkenntnisse: 82% der Frauen sahen ihr Idealgewicht unterhalb ihres aktuellen Gewichts. 83% der Frauen waren mit ihren Körperproportionen unzufrieden. 80% der Frauen machten ihren Selbstwert vom Gewicht abhängig. 82% der Frauen hatten Angst, zuzunehmen.2
Eine repräsentative österreichische Studie, durchgeführt vom Karmasin Marktforschungs-Institut im Auftrag des Wiener Programms für Frauengesundheit, ermittelte 2007 bei 287 Frauen folgende Motive für Diätverhalten: 59% unterziehen sich einer Diät, um attraktiver zu sein, 56%, um ihr Selbstwertgefühl zu steigern und nur 43% aus gesundheitlichen Gründen.9
Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen und Körper kann der Nährboden für gestörtes Essverhalten bis hin zu manifesten Essstörungen sein. Aber auch andere zahlreiche psychische Beeinträchtigungen wie die körperdysmorphe Störung, Libido- und Sexualstörungen und Beeinträchtigungen des Sozialverhaltens können die Folge sein.
Prävalenz und Folgekosten
Aufgrund der Vielzahl betroffener Frauen und Mädchen und der nachhaltigen körperlichen Schädigungen verdient das Krankheitsbild der Essstörungen eine genauere Betrachtung.
• Insgesamt geht man von einer Zahl über 200.000 Österreicherinnen aus, die zumindest einmal in ihrem Leben an einer Essstörung erkranken. Bezogen auf die österreichische Gesamtbevölkerung leiden an einem beliebigen Stichtag von allen 15-bis 20-jährigen Mädchen mindestens 2.500 Mädchen an einer Magersucht und über 5.000 Mädchen an einer subklinischen Essstörung, d.h. einer leichteren Verlaufsform. Unter 20- bis 30-jährigen Frauen findet man mindestens 6.500 Frauen mit Bulimie.10
• Allein in Wien besteht für mehr als 2.000 Mädchen und rund 100 Burschen ein akutes Risiko, an Magersucht oder Bulimie zu erkranken.1
• 90 bis 97% der von Essstörung Betroffenen sind Mädchen und junge Frauen.11
• Bei den stationären Spitalsaufenthalten in Österreich ist eine deutliche Zunahme der Aufenthalte aufgrund von Essstörungen festzustellen. Im Jahr 1989 wurden 464 Personen (81% der Aufenthalte betrafen Frauen) registriert, im Jahr 2008 waren es 2.734 Spitalsaufenthalte.12 Für diese 2.734 Personen mit der Diagnose „Essstörung“ ergäben sich aufgrund einer vorsichtigen Hochrechnung Kostenschätzungen in der Höhe von jährlich 32,8 Mio EUR.13
Nicht berücksichtigt in dieser Berechnung sind indirekte Kosten wie:
• Produktivitätsverlust durch Arbeitsunfähigkeit
• Ausfälle in der Schule und Klassenwiederholung
• Kosten der Sozialversicherungsträger vor der Diagnosestellung „Essstörung“ (Durchschnittlich vergehen sieben Jahre, bis eine Essstörung als solche erkannt wird.)
Die Wiener Initiative gegen Essstörungen
Als erste europäische Hauptstadt startete Wien 1998 im Rahmen des Wiener Programms für Frauengesundheit eine umfassende Initiative zur Prävention von Essstörungen, da der „1. Wiener Frauengesundheitsbericht“ (1996) große Versorgungs- und Wissenslücken aufzeigte. Die Präventionsmaßnahmen der Stadt Wien umfassen Angebote auf unterschiedlichen Präventionsebenen. Seit 1998 gibt es für Betroffene und Angehörige kostenlose und auf Wunsch anonyme Beratung an der „Hotline für Essstörungen“ (0800 20 11 20, E-Mail: hilfe@essstoerungshotline.at) sowie über die Homepage http://www.essstoerungshotline.at . Mehr als 20.000 Menschen – 90% davon Frauen – holten sich Hilfe und Unterstützung beim professionellen Team der Hotline. Der Wunsch nach Aussprache, die Suche nach Psychotherapieplätzen und die Hilfe in einer aktuellen Krise sowie der Umgang mit Betroffenen stehen dabei an oberster Stelle der Themen. Das Ziel, die Betroffenen frühzeitig und niederschwellig zu erreichen und zu einer frühzeitigen Inanspruchnahme von professioneller Hilfe (Psychotherapie, medizinische Versorgung, ...) zu bewegen, wurde nachweislich erreicht.
Durch die Zusammenarbeit mit dem Wiener Stadtschulrat konnte ein umfassendes Netzwerk mit Schulen aufgebaut werden, über das seit 1999 mehr als 20.000 Schüler mit präventiven kostenlosen Maßnahmen betreffend Essstörungen erreicht und informiert werden konnten. Darüber hinaus werden kostenlose Workshops für Lehrkräfte und Schulärzte direkt an den Schulen angeboten sowie Elternabende abgehalten.
Mit der Initiative S-O-Ess setzt das Wiener Programm für Frauengesundheit regelmäßig in der Öffentlichkeit ein Zeichen zur Prävention von gesellschaftlichen Schlankheitsidealen und Vermeidung von Essstörungen. Vertreter aus Mode, Werbung, Medien, Wirtschaft, Industrie und Politik im Verbund mit Gesundheitsexperten finden sich zusammen, um dem ungesunden gesellschaftlichen Schlankheitskult, der als Risikofaktor für Essstörungen gilt, den Nährboden zu entziehen ( http://www.s-o-ess.at ). Dies geschieht in Vernetzung mit ähnlichen Initiativen in Deutschland und Italien.
Seit 1999 wurden fünf wissenschaftliche Kongresse mit in- und ausländischen Experten zu den Themen Essstörungen und Körperbild vom Wiener Programm für Frauengesundheit organisiert.
In regelmäßigen Abständen findet die vom Wiener Programm für Frauengesundheit organisierte und einberufene „Plattform gegen Essstörungen“ statt, in der sich alle Essstörungsexperten Wiens zum Austausch und zur Vernetzung treffen. Informationsfolder, Plakate, Sticker, ein Institutionenführer mit einem Überblick über sämtliche essstörungsspezifischen Beratungsstellen in Wien und die DVD „Essstörungen: Ich liebe mich, ich hasse mich“, auf der Betroffene und Angehörige über ihr Leben mit der Essstörung und über den Weg aus der Krise berichten, können kostenlos unter der Telefonnummer 0800 20 11 20 angefordert werden.
Zukünftige Präventionsstrategien
Da wir in einer globalisierten und vernetzten Wirtschafts- und Medienwelt leben, müssen gesundheitsbezogene Antworten auf deren „toxische“ Folgen auch global und vernetzt gegeben werden.
Wünschenswert ist daher eine Initiative auf EU-Ebene, die im Rahmen eines gemeinsamen Vorgehens Richtlinien für Wirtschaftskonzerne erarbeitet, um der rapiden Zunahme einer einseitigen, manipulierten und krank machenden Darstellung von Mädchen und Frauen entgegenzuwirken. Ebenso sind nationale Werberäte in diese Überlegungen mit einzubeziehen, um einen breiten Konsens bezüglich der Vermeidung von gesundheitsschädlicher Werbung zu erreichen.
Neben dieser globalisierten Präventionsstrategie auf der Ebene der Wirtschafts- und Medienkonzerne sind weitere Vorsorgeinitiativen bereits im Kindergarten und in der Volksschule erforderlich, die auf Selbstwertstärkung und Steigerung der Medienkompetenz abzielen. Ebenso sind wichtige Bezugspersonen wie Lehrkräfte, Trainer, Kindergärtner darin zu schulen, bei den Kindern die Entwicklung eines positiven Körperbildes zu fördern, Körperstigmatisierung und körperbezogenen Spott wahrzunehmen und dagegen aktiv zu werden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Notwendigkeit der Beobachtung der Gesundheitskosten für die Behandlung von psychischen Erkrankungen wie Essstörungen. Es ist ein massiver Anstieg in den nächsten Jahren zu erwarten. Ebenso ist es notwendig, aktuelle EU-weite Inzidenz- und Prävalenzdaten zu erheben, um Zeit-, Länder- und Regionenvergleiche anstellen zu können.
Doch all diese Maßnahmen müssen begleitet sein von einem gesellschaftlichen Wandel. Es gilt, die bestehenden Muster zu unterbrechen und Anerkennung, Erfolg, Wertschätzung und soziale Positionierung von Aussehen und Körperform zu entkoppeln. Erst dann werden Frauen und Männer, Mädchen und Burschen nicht mehr unter Druck geraten, das Selbstwertgefühl durch die Manipulation des Körpers zu steigern.
Referenzen:
1 De Zwaan M, Wimmer- Puchinger B, Baldaszti E: Essstörungen: Wie groß ist das Problem in Wien? Erhebung bei Wiener SchülerInnen. Unveröffentlichte Studie, Wien 2000
2 Wimmer- Puchinger B, Langer-Strobich M: Schlankheit – immer noch ein Ideal? Erhebung bei 657 Wiener Frauen. Unveröffentlichte Studie, Wien 2004
3 Neumark-Sztainer D: I´m, like, so fat! New York: The Guilford Press; 2005, S. 5
4 Cook AK: Familial Influences on Body Image Development. In: Body Image. Cash, Pruzinsky, 2002
5 Posch W: Projekt Körper. Campus Verlag 2009; S. 169
6 Feingold A, Mazzella R: Gender differences in body image are increasing. Gender Psychologist 1996; 32: 90-98
7 Lask B, Bryant-Waugh R: Anorexia Nervosa and Related Eating Disorders in Childhood and Adoles-cence. Hove, UK: Psychology Press 2000
8 Becker AE: Television, disordered eating, and young women in Fiji: Negotiating body image and identity during rapid social change. Culture, Medicine and Psychiatry 2004; 28: 533-559
9 Karmasin Motivforschung im Auftrag des Wiener Programms für Frauengesundheit: Die Wahrnehmung von Frauenbildern in den Medien aus der Sicht von Frauen in Österreich. 2007. Zu beziehen über www.frauengesundheit-wien.at
10 Rathner G: Was Sie über Essstörungen wissen sollten. Netzwerk Essstörungen, Innsbruck 1999
11 Lindblad R, Lindberg L, Hjern A: Anorexia Nervosa in Young Men. International Journal of Eating Disorders 2006; 39: 8
12 Statistik Austria, Sonderauswertung vom 2. Juni 2008 durch Dr.in Erika Baldaszti
13 E-Mail-Mitteilung des KAV vom 7. Februar 2007

Autorinnen:
Mag. Michaela Langer, Klinische und Gesundheitspsychologin mit Schwerpunkt Frauengesundheit, E-Mail: michaela.langer@wien.gv.at
a.o. Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger Frauengesundheitsbeauftragte der Stadt Wien, E-Mail: beate.wimmer-puchinger@wien.gv.at
Letztes Update:4 August, 2010 - 08:51





